Galerie Thomas Ruff in der Kunstsammlung NRW

Mit der Ausstellung „Thomas Ruff“ zeigt die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen eine umfangreiche Überblicksschau über einen der wichtigsten Vertreter der Düsseldorfer Fotoschule. Die Ausstellung spannt einen Bogen von Serien der 1990er-Jahre, die Ruffs einzigartigen konzeptuellen Zugang zur Fotografie dokumentieren, bis hin zu einer neuen Serie, die nun erstmals in K20 zu sehen ist: Für „Tableaux chinois“ griff Ruff auf chinesische Propagandafotografien zurück.

Thomas Ruff (*1958) ist einer der international bedeutendsten Künstler seiner Generation. Bereits als Student in der Klasse der Fotografen Bernd und Hilla Becher an der Kunstakademie Düsseldorf wählte er in den frühen 1980er-Jahren einen konzeptuellen Zugang zur Fotografie, der sich in allen Werkgruppen seines vielgestaltigen Œuvres zeigt und seinen Umgang mit den unterschiedlichsten Bildgattungen und historischen Möglichkeiten der Fotografie bestimmt.

Um seine Erkundungen im fotografischen Feld nicht an dem einzelnen zufällig gefundenen Bild festzumachen, sondern in Bezug auf Bildgattungen und Genres zu überprüfen, arbeitet Thomas Ruff in Serien: „Ein Foto“, sagt Ruff, „ist ja nicht nur ein Foto, sondern eine Behauptung. Um die Richtigkeit dieser Behauptung zu prüfen, reicht eben ein Foto nicht aus; ich muss das an mehreren Fotos überprüfen.“ Die Ausstellung in K20 konzentriert sich auf Bildserien aus zwei Jahrzehnten, bei denen der Künstler kaum noch selbst eine Kamera zur Hand nahm. Für seine oft großformatigen Bilder verwendete er stattdessen vorhandenes fotografisches Material unterschiedlichster Herkunft.

Thomas Ruffs Beitrag zur Fotografie der Gegenwart besteht somit in besonderem Maße in der Entwicklung einer Fotografie ohne Kamera. Er verwendet Bilder, die schon gemacht wurden, und die in anderen, größtenteils nicht-künstlerischen Zusammenhängen bereits verbreitet und für bestimmte Zwecke optimiert wurden. Die Vorgehensweise und die Herkunft des Materials wurden erstmals in der Gruppe der Zeitungsfotos, die schon 1990 entstanden, in Ruffs Arbeiten selbst zum Thema. Die Ausstellung konzentriert sich genau auf diesen zentralen Aspekt. Die Bildquellen, die Ruff für diese Serien erschlossen hat, reichen von fotografischen Experimenten des 19. Jahrhunderts bis hin zu Aufnahmen von Raumsonden. Er befragte die Archivprozesse großer Bildagenturen und die Bildpolitik der Volksrepublik China.

Dokumentationen von Museumsausstellungen, Porno- und Katastrophenbilder aus dem Internet bilden ebenso Ausgangspunkte für eigene Werkserien wie die Produktfotografien einer Düsseldorfer Maschinenfabrik aus den 1930er-Jahren. Sie stammen aus Zeitungen, Magazinen, Büchern, Archiven und Sammlungen oder waren schlicht für jeden zugänglich im Internet zu finden. In der Auseinandersetzung mit diesen unterschiedlichen Bildwelten erkundet Ruff in jeder Serie die technischen Bedingungen von Fotografie: das Negativ, die digitale Bildkomprimierung oder auch die Rasterung beim Offset-Druck. Zugleich nimmt er das Nachleben der Bilder in Publikationen, Archiven, Datenbanken und im Internet in den Blick.

Für „Tableaux chinois“, die neueste, in K20 zum ersten Mal gezeigte Serie, griff Ruff auf chinesische Propagandafotografien zurück: zur Perfektion getriebene Produkte der Mao-Zeit, die er digital bearbeitete. Im künstlerischen Umgang mit diesem historischen Material überlagern sich die analoge und digitale Sphäre, und in dieser sichtbaren Überlagerung verbindet Ruff das Bild des heutigen, hoch digitalisierten China mit dem chinesischen Staatsverständnis der 1960er-Jahre und seiner manipulativen Bildpolitik.

Aus der von 2010 bis 2014 entstandenen Serie „ma.r.s.“ sind acht bisher noch nicht gezeigte Werke zu sehen, für die Ruff Bilder einer Mars-Sonde der NASA verwendet hat. Durch eine 3D-Brille betrachtet faltet sich die zerklüftete Oberfläche des roten Planeten in den Raum vor und hinter der Fläche der großformatigen Bilder. Wer sich durch den Ausstellungsraum bewegt und nachvollzieht, wie die Illusion sich bricht und neigt, der kommt Ruffs Anliegen auf die Spur, die Fotografie als eine Konstruktion von Wirklichkeit zu begreifen, die zuallererst eine Oberfläche darstellt – Eine Oberfläche, die jedoch in einen historischen Rahmen aus Technologie, Bearbeitung, Optimierung, Übertragung und Verbreitung eingespannt ist.

Seine früheste Bildquelle bisher sind die Papiernegative von Captain Linnaeus Tripe. Als Tripe 1854 begann, in Südindien und Burma, dem heutigen Myanmar, für die britische East India Company zu fotografieren, lieferte er erste Aufnahmen einer für das britische Publikum fernen und unbekannten Welt. Seither ist die Welt zu einer immer schon fotografierten Welt geworden. Es ist diese bereits fotografierte Welt, die den Künstler Thomas Ruff interessiert und aufgrund derer er auch „Historiker des Fotografischen“ (Herta Wolf) genannt worden ist. Die Ausstellung bietet daher nicht nur einen Überblick über Ruffs Schaffen der vergangenen Jahrzehnte, sondern wirft auch Schlaglichter auf fast 170 Jahre Fotogeschichte. In jeder Serie formuliert Ruff so höchst vielschichtige Perspektiven auf das fotografische Medium und die immer schon fotografierte Welt.

Weitere Serien in der Ausstellung sind die beiden sich auf Pressfotografie beziehenden Werkgruppen „Zeitungsfotos“ (1990–1991) und „press++“ (seit 2015), die auf die Verbreitung von Fotografien im Internet bezogenen Serien „nudes“ (seit 1999) und „jpeg“ (seit 2004), sowie „Fotogramme“ (seit 2012), „Negative“ (seit 2014), „Flower.s“ (seit 2019), „Maschinen“ (2003–2004), „m.n.o.p.“ (2013), „w.g.l.“ (2017) und mit „Retuschen“ (1995), eine selten gezeigte Serie von Unikaten.

Publikation: Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher, von Susanne Gaensheimer und Falk Wolf herausgegebener Katalog mit Beiträgen von Martina Dobbe, Susanne Holschbach und Falk Wolf. Prestel Verlag, München, London, New York. Ca. 232 Seiten / Preis: ca. 34 Euro.

Thomas Ruff
12. September 2020 bis 7. Februar 2021

Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen
Grabbeplatz 5
D-40213 Düsseldorf
https://www.kunstsammlung.de

Öffnungszeiten:
Di bis Fr 10–18 Uhr
Sa, So & Fe 11–18 Uhr

Galerie Robert Frank. Memories

Der 1924 in Zürich geborene und letztes Jahr in Kanada verstorbene Robert Frank zählt zu den bedeutendsten Fotografen unserer Zeit. Wie kein anderer hat er über Jahrzehnte die Grenzen der Fotografie erweitert und ihr narratives Potenzial ausgelotet. Tausende von Kilometern hatte Robert Frank Mitte der 1950er-Jahre zwischen der amerikanischen Ost- und Westküste zurück­gelegt und dabei knapp 700 Filme belichtet. Eine Auswahl von 83 Schwarzweissbildern aus dieser Mischung von Tagebuch, düsterem Gesellschaftsporträt und fotografischem Roadmovie sollte Generationen von Fotografinnen und Fotografen prägen.

Das Fotobuch „The Americans“ erschien zunächst in Paris, bevor es 1959 auch in den USA publiziert wurde – eingeleitet von keinem Geringeren als dem Beat-Literaten Jack Kerouac. Schräge Einstellungen, angeschnittene Figuren und Bewegungsunschärfen kennzeichneten einen neuen fotografischen Stil zwischen Dokumentation und Erzählung, der die Nachkriegsfotografie nachhaltig veränderte. Dieses vielleicht einflussreichste Buch der Fotogeschichte war jedoch kein spontaner Genie­streich; vielmehr hatte sich Frank seine subjektive Bildsprache über Jahre erarbeitet. Seine Aufnahmen aus der Schweiz, Europa und Südamerika ebenso wie seine bisher kaum gezeigten Arbeiten aus den USA zu Beginn der 1950er-Jahre sind den berühmten Klassikern aus „The Americans“ oft ebenbürtig. Das aus editorischen Gründen unveröffentlicht gebliebene und daher bis heute wenig bekannte Frühwerk des Fotografen offenbart Verbindungen zu jenen ikonischen Bildern, die unsere Vorstellung von Amerika bis heute bestimmen.

Im Zentrum der Ausstellung „Robert Frank – Memories“ steht die erzählerische Kraft von Robert Franks Bildsprache, die sich gegen alle Konventionen entwickelte und erst dann internationale Anerkennung erfuhr, als sich Frank bereits von der Fotografie verabschiedet und dem Medium Film zugewandt hatte. Gezeigt werden zur Hauptsache Vintage-Silbergelatineabzüge aus der Sammlung der Fotostiftung Schweiz, die entweder aus der ehemaligen Sammlung von Robert Franks langjährigem Freund Werner Zryd stammen (heute im Besitz der Schweizerischen Eidgenossenschaft) oder vom Künstler der Fotostiftung Schweiz geschenkt wurden. Sie werden ergänzt mit einigen Leihgaben des Fotomuseum Winterthur. Eine Präsentation der Bücher und Filme, die der Verleger Gerhard Steidl während mehr als 15 Jahren mit Robert Frank herausgegeben hat, begleitet die Ausstellung (in der Passage zur Bibliothek und im Seminarraum).

Robert Frank. Memories
12. September 2020 bis 10. Januar 2021

Fotostiftung Schweiz
Grüzenstrasse 45
CH-8400 Winterthur
https://www.fotostiftung.ch

Öffnungszeiten:
Di bis So 11–18 Uhr
Mittwoch 11–20 Uhr

Galerie Michael Schmidt. Fotografien 1965—2014

Michael Schmidt (1945–2014) bezieht in der deutschen Gegenwartsfotografie eine einzigartige Position. In Berlin geboren, fand er Mitte der 1960er-Jahre als Autodidakt zur Fotografie als künstlerischem Ausdrucksmittel. Die Retrospektive im Hamburger Bahnhof stellt erstmals das gesamte Lebenswerk chronologisch vor und ist die erste Übersichtsausstellung des Berliner Fotografen in seiner Heimatstadt nach 25 Jahren.

Für jede seiner Werkgruppen hat Schmidt eine individuelle fotografische Methode des Zugangs zur Wirklichkeit entwickelt. Sie umfassen Porträts, Selbstporträts, Stadtlandschaften, Landschaften und Stillleben. Neben den Werkgruppen „Waffenruhe“ (1987), „Ein-heit“ (1996), „Lebensmittel“ (2012) und weiteren Originalfotografien stellt die Ausstellung anhand von unveröffentlichten Arbeitsabzügen, Buchentwürfen und Archivmaterialien die Entwicklung von Schmidts künstlerischer Arbeit vor, die für eine jüngere Generation Fotografierender durch ihre ständige Erforschung und Innovation Vorbildcharakter hat.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Verlag Koenig Books mit einem Umfang von 400 Seiten. Die Katalogbeiträge haben Ute Eskildsen, Janos Frecot, Peter Galassi, Heinz Liesbrock und Thomas Weski verfasst, die alle mit dem Künstler in verschiedenen Projekten zusammengearbeitet haben.

Michael Schmidt – Retrospektive
Fotografien 1965—2014
23. August 2020 bis 17. Januar 2021

Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart
Invalidenstraße 50-51
D-10557 Berlin
https://www.smb.museum/museen-einrichtungen/hamburger-bahnhof

Öffnungszeiten:
Di bis Fr 10-18 Uhr
Sa & So 11-18 Uhr

Galerie Astrid Klein. Dass vollkommene Liebe die Angst austreibe

Astrid Klein (*1951) zählt zu den wichtigsten Stimmen der deutschen Nachkriegs- und Gegenwartskunst. Zentraler Aspekt ihres Gesamtwerks ist die Auseinandersetzung mit dem politischen Klima im Nachkriegsdeutschland und der westlichen Welt, mit Ängsten und Sehnsüchten, die über die Medien global transportiert werden. Sie untersucht diese grenzübergreifenden, gleichwohl stereotypisierten Machtverhältnisse, wobei ihr künstlerischer Ansatz auf der wahrnehmungspsychologischen Hinterfragung tradierter Bildkultur fußt. Ihre konzeptuelle Herangehensweise steht dabei in enger Verbindung mit amerikanischen Zeitgenossen*innen, John Baldessari, Jenny Holzer, Barbara Kruger oder Richard Prince.

Dank der substanziellen Förderung der Michael & Eleonore Stoffel Stiftung wurden 2019 fünf Werke von Astrid Klein für die Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne erworben. Der nunmehr sieben Exponate umfassende Sammlungsbestand zentraler Fotoarbeiten und Collagen aus den 1970er-1980er Jahren wird erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Zudem wird eine großformatige, aus zerschossenen Spiegeln bestehende Installation der Künstlerin gezeigt, die die BesucherInnen beim Aufgang in das 1. Obergeschoss mit einem fragmentierten Abbild ihrer selbst konfrontiert.

Vier der fünf neu erworbenen Werke von Astrid Klein knüpfen in besonderem Maß an den bereits erworbenen Sammlungsbestand an. Darunter bildet das Werk „Frau muß geliebt werden und sie muß wissen das sie geliebt wird“ von 1978 in Format und Bildsprache ein visuelles Pendant. Die zwei Werke zeigen eine Szene physischer Nähe zwischen Mann und Frau, in der sich Bedrängnis und Aneignung des weiblichen Körpers offenbaren. Ein jeweils quer über das Bild gelegter Schriftzug liest sich dabei wie der bevormundende Gedanke des im Bild agierenden männlichen Protagonisten. Astrid Klein kombiniert hier die Ausdrucksgewalt eines Bildes mit der Prägnanz einer Textstelle, und führt vor, wie leicht wir uns der Illusion hingeben, dass Text Bild erklärt und Bild Text illustriert. Die Wahrnehmung des Betrachters wird durch die Dissonanz zwischen den beiden Ausdrucksvarianten aktiviert und zum eigentlichen Thema der Werke.

Astrid Klein. Dass vollkommene Liebe die Angst austreibe
21. Juli 2020 bis 17. Januar 2021

Pinakothek der Moderne
Barer Straße 40
D-80333 München
http://www.pinakothek.de/pinakothek-der-moderne

Öffnungszeiten:
Täglich 10-18 Uhr
Donnerstags 10-20 Uhr