Galerie Sich kreuzende Parallelen

Jede Zeit wählt ihre Stars. Und jede nachfolgende Epoche entscheidet, ob sie deren Licht verlöschen oder gar noch heller erstrahlen lässt. Zu gerne wüssten wir, welche Berühmtheiten unserer Tage auch unsere Urenkel noch begeistern werden. Es ist das Privileg der Kunst längst vergangener Jahrhunderte, diese Antwort schon zu kennen.

Agostino Carracci (1557–1602) und Hendrick Goltzius (1558–1617) gehören zu denen, die es geschafft haben. Sie waren die tonangebenden Kupferstecher des späten 16. Jahrhunderts, der eine in Italien, der andere in den Niederlanden, und auch heute werden ihre Werke in Ausstellungen gezeigt, auf dem Kunstmarkt gehandelt, in Seminaren besprochen und von Künstlerinnen und Künstlern als Inspirationsquelle verwendet.

Erstaunlicherweise sind die beiden Künstler bisher noch nie im Vergleich ausgestellt worden. Denn neben dem Erfolg, den sie als Kupferstecher hatten, laden noch weitere Parallelen zu einer Gegenüberstellung ein: Beide waren literarisch und kunsttheoretisch interessiert und gründeten in ihrer Heimat eine Akademie. Unabhängig voneinander entdeckten Carracci und Goltzius das illusionistische Potenzial an- und abschwellender Linien. Durch die Weiterentwicklung dieser technischen Innovation legten sie die Grundlage für den Kupferstich des Barockzeitalters. Trotz ihrer herausragenden Erfolge im Medium der Druckgraphik wandten sich beide als reife Künstler von dieser Technik ab und vermehrt der Malerei zu.

Die Ausstellung zeichnet aber nicht nur ihre parallelen Lebenslinien nach, sondern fragt auch nach Berührungspunkten. Um aufzuzeigen, wie sich die beiden Künstler gegenseitig wahrnahmen und beeinflussten, wird das gesamte thematische Spektrum ihrer Werke präsentiert, das von Bildern der Andacht über Porträts bis hin zu explizit erotischen Darstellungen reicht. Den unterschiedlichen Funktionen der Bilder entsprechen unterschiedliche Formate. Zu sehen sind daher Werke, so klein wie Briefmarken, und andere, die die Grösse einer Tischplatte haben.

Zur Ausstellung erscheint im Michael Imhof Verlag eine umfangreiche Begleitpublikation in deutscher sowie in englischer Sprache. Neben vier längeren Essays enthält sie Katalogeinträge zu allen Exponaten, die von einer internationalen Gruppe von Forscherinnen und Forschern verfasst wurden und zahlreiche neue wissenschaftliche Erkenntnisse präsentieren.

Sich kreuzende Parallelen
Agostino Carracci und Hendrick Goltzius
9. Dezember 2020 bis 14. März 2021

Graphische Sammlung der ETH Zürich
Rämistrasse 101
CH-8092 Zürich
https://www.gs.ethz.ch

Öffnungszeiten:
täglich 10.00–16.45 Uhr
geschlossen über die Feiertage von Do,
24. Dezember 2020, bis So, 3. Januar 2021

Galerie Im Herzen wild. Die Romantik in der Schweiz

Vom 13. November 2020 bis 14. Februar 2021 wird das Kunsthaus ganz im Zeichen der Romantik stehen. Mit über 150 Werken spannt die Ausstellung einen Bogen von Johann Heinrich Füssli über Alexandre Calame bis zum frühen Arnold Böcklin. Sie führt den eminenten Beitrag der Schweizer Künstler zur Entwicklung der europäischen Landschaftsmalerei vor Augen, folgt ihnen an die Akademien im Ausland und zeigt die enge Vernetzung auf, die zwischen den Malern bestand. Unter Einbindung namhafter Romantiker auch aus den Nachbarländern wie Caspar David Friedrich, Eugène Delacroix und William Turner würdigt dieser Überblick den Schweizer Beitrag zur Romantik in internationaler Perspektive.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts entfaltete sich die Romantik in Europa. Künstler begannen Werke zu schaffen, die die Gefühle und die Faszination für das Unerklärliche gegenüber der nüchternen und rationalen Kunst des Klassizismus in den Vordergrund stellten. In der Schweiz entdeckte man die heimatliche Landschaft als Bildmotiv und bannte die majestätische Bergwelt und das ewige Eis der Gletscher auf die Leinwände. Kurator Jonas Beyer widmet sich dieser bislang nur in vielen Einzelaspekten untersuchten zentralen künstlerischen Epoche des Landes.

Der Fokus auf eine Romantik typisch schweizerischer Prägung ermöglicht einen tieferen Einblick in das Wechselverhältnis von ortsspezifischer Prägung und internationaler Vernetzung. Der besondere Aufbruchsgeist, der die Schweizer Kunst dieser Zeit prägt, artikuliert sich im regen Austausch mit Künstlern aus den Nachbarländern. So schwärmten die Schweizer Künstler an die Akademien in Paris, Dresden oder Wien aus und bauten wirkungsvolle Netzwerke auf, wobei sie sensibel auf die lokalen Eigenheiten ihres jeweiligen Lehrumfeldes reagierten.

Umgekehrt wurden die Sehenswürdigkeiten der Schweizer Landschaft schon Ende des 18. Jahrhunderts zu gefragten Motiven für romantisch gestimmte Künstler aus dem Ausland. Dieser lebhafte Austausch über die Grenzen hinweg legt es nahe, nicht dezidiert von einer «Schweizer Romantik», sondern stattdessen von einer «Romantik in der Schweiz» zu sprechen. So lassen sich gemeinsame Bestrebungen, aber auch lokal bedingte künstlerische Eigenarten herausstellen. Das Publikum erlebt dies anhand thematisch gruppierter Gemälde, Zeichnungen und Filme im 1’000 m 2 grossen Ausstellungssaal.

Realisieren liess sich eine Ausstellung dieser Dimension durch kostbare Leihgaben aus Schweizer Sammlungen sowie durch die Integration hochkarätiger Werke aus Deutschland, Österreich, Grossbritannien und Frankreich. Die Liste der Künstlerinnen und Künstler reicht von vorromantischen Malern vom Range eines Caspar Wolf und Johann Heinrich Wüest über bekannte Namen aus der Zeit der Romantik, darunter die Schweizer Alexandre Calame, Charles Gleyre und Léopold Robert, bis hin zu internationalen Grössen wie etwa Eugène Delacroix, Caspar David Friedrich und William Turner.

Dass die romantischen Ideen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts in der Gegenwart nachhallen, zeigen die Videoarbeiten «Everything is going to be alright» von Guido van der Werve, «Projection (matin)» von Remy Zaugg sowie «Travel» von David Claerbout.

Im Herzen wild. Die Romantik in der Schweiz
13. November 2020 bis 14. Februar 2021

Kunsthaus Zürich
Heimplatz 1
CH–8001 Zürich
https://www.kunsthaus.ch

Öffnungszeiten:
Di, Fr bis So 10–18 Uhr
Mi und Do 10–20 Uhr

Galerie Rembrandts Orient

Für jemanden, der sein Heimatland anscheinend niemals verlassen hat, verfügte Rembrandt Harmensz. van Rijn über einen erstaunlich grenzenlosen Horizont. Als Künstler, Sammler und Bürger kam er mit Kunstwerken, Gebrauchsgegenständen und Menschen aus allen Teilen der damals bekannten Welt in Kontakt. Rembrandts Neugierde auf alles Fremde und sein unstillbarer Appetit als Sammler waren schon zu seinen Lebzeiten legendär und inspirierten ihn auf einzigartige Weise in seinem Schaffen.

Amsterdam, sein Lebensmittelpunkt, bot dafür ideale Voraussetzungen als Sitz und Heimathafen der Niederländischen Ost- und Westindienkompanien sowie weiterer Handelsgesellschaften. Die Stadt war im 17. Jahrhundert ein wahrhafter kultureller Schmelztiegel. Der Anblick von Gesandten und Handelsreisende aus fernen Gegenden gehörte in der jungen Niederländischen Republik zum Alltag.

Die Ausstellung konzentriert sich auf einen der folgenreichsten Stränge dieser Konstellation: Der Orient – verstanden als nicht eindeutig definierter geographischer Sammelbegriff für diverse aussereuropäische Kulturen des Ostens – regte Rembrandts Fantasie sein gesamtes künstlerisches Leben hindurch an. Er befeuerte die Vorstellung des Malers von den Schauplätzen biblischer Historien, einem seiner bevorzugten Genres. In Selbstbildnissen zeigte sich der Künstler mehrfach in exotischer Kostümierung. Seine Kopien nach am Hof der Grossmoguln entstandenen Miniaturen bilden eine noch nie dagewesene Anerkennung asiatischer Kunst durch einen holländischen Künstler, und schliesslich war er ein begeisterter Käufer von japanischem Papier, das er gerne für seine Radierungen verwendete.

Die Werkauswahl beschränkt sich nicht auf die Person Rembrandts. Neben Schöpfungen seiner Künstlerkollegen und Schüler werden auch Publikationen und andere Quellen zum damaligen Verständnis des Orients gezeigt. Erst durch diesen breiteren Kontext wird anschaulich, was an Rembrandts Verhältnis zum Osten einerseits zeittypisch war und worin sich andererseits seine Einstellung zu diesem Kulturraum von derjenigen seiner Zeitgenossen unterschied. „Rembrandts Orient“ untersucht die Reaktionen der Künstler des Goldenen Zeitalters in Holland aber noch aus einem anderen Grund: Indem sie ihre eigene Lebensumgebung mit Vorbildern aus dem Osten kontrastierten, trugen sie massgeblich zur Herausbildung und Definition jener spezifisch europäischen Identität bei, die bis zum heutigen Tag immer wieder neu verhandelt wurde und wird.

Rembrandts Orient
Westöstliche Begegnung in der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts
31. Oktober 2020 bis 14. Februar 2021

Kunstmuseum Basel I Neubau
St. Alban-Graben 8
CH-4010 Basel
https://www.kunstmuseumbasel.ch

Öffnungszeiten:
Di bis So 10–18 Uhr
Mittwoch 10–20 Uhr
Montag geschlossen

Galerie Bunny Rogers. Self Portrait as clone of Jeanne D’Arc

Anlässlich der Schenkung durch private Förder*innen als großen Dank an den Ende Oktober 2020 aus seinem Amt scheidenden Direktor der Nationalgalerie Udo Kittelmann präsentiert der Hamburger Bahnhof die Installation „Self Portrait as clone of Jeanne D’Arc“ von Bunny Rogers in einer Sonderpräsentation. Das zentrale Werk der US-amerikanischen Künstlerin reflektiert anhand persönlicher wie popkultureller Referenzen die Vielschichtigkeit jugendlicher Weiblichkeit, damit verbundene Angst, Intensität und Narzissmus.

In ihren Arbeiten spielt Bunny Rogers (*1990 in Houston, Texas) mit Identitätsvorstellungen und thematisiert Empfindsamkeit und Verletzlichkeit, Freundschaft und Aussenseitertum. Dabei inspirieren sie oft Charaktere aus Fernsehserien, Videospielen und dem Internet. In ihrem fünfzehnteiligen, großformatigen Zyklus „Self Portrait as clone of Jeanne D’Arc“ (2019) adaptiert Rogers die Figur Joan of Arc aus der Zeichentrickserie „Clone High“, in der eine Schule von Klonen historischer Persönlichkeiten bevölkert wird. Als Joan of Arcs Alter Ego zeigt sich die Künstlerin auf diesen Bildern in unterschiedlichen Situationen mit Bezügen aus dem persönlichen Alltag sowie aus der Populärkultur und verwandelt den Ausstellungsraum in eine intime Stimmungsbühne.

Bunny Rogers wurde im Hamburger Bahnhof zuletzt in der Ausstellung „moving is in every direction. Environments – Installationen – Narrative Räume“ (2017) gezeigt und ist mit dem dort gezeigten Werk „Mandy’s Piano Solo in Columbine Cafeteria“ (2016) bereits in der Sammlung der Nationalgalerie vertreten.

Bunny Rogers. Self Portrait as clone of Jeanne D’Arc
25. Oktober 2020 bis 28. Februar 2021

Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart
Invalidenstraße 50/51
D-10557 Berlin-Mitte
https://www.smb.museum/museen-einrichtungen/hamburger-bahnhof

Öffnungszeiten:
Di, Mi, Fr 10–18 Uhr
Donnerstag 10–20 Uhr
Sa und So 11–18 Uhr

Galerie Expressionismus. Sammlung Selinka

Die Ausstellung „Expressionismus“ zeigt mit 42 Werken ausgewählte expressionistische Arbeiten aus der Sammlung Selinka des Kunstmuseum Ravensburg. Etwa zwei Drittel der Sammlung bestehen aus Werken des Expressionismus, vorwiegend aus Arbeiten der Künstlergruppe „Brücke“ (1905–1913). Die Werkschau setzt einen Schwerpunkt bei den 1910er-Jahren und gibt einen Einblick in fast die Hälfte der Neurahmungen, die in den letzten beiden Jahren erfolgt sind. Zeitgleich wurden alle Arbeiten auf Papier restauratorisch betreut und von ihren Passepartouts befreit, sodass ein unverstellter Blick auf das gesamte Blatt möglich ist.

Die jungen Künstler, die man heute unter dem Begriff „Expressionismus“ zusammenfasst, lehnten sich Anfang des 20. Jahrhunderts gegen die beengenden gesellschaftlichen Strukturen sowie die traditionelle akademische Malerei auf. Die größte Bekanntheit erlangten die Künstlergruppe „Brücke“ in Dresden und später Berlin sowie die Künstlervereinigung „Der Blaue Reiter“ in München. Angeregt durch lebensreformerische und psychoanalytische Bewegungen zu Beginn des Jahrhunderts verkörperten sie ein neues Lebensgefühl. Entgegen der vom industrialisierten Arbeitsprozess fremdbestimmten und durch den Wilhelminismus reglementierten Gesellschaft suchten sie den Einklang zwischen Mensch und Natur und rückten das „subjektive Empfinden“ in den Mittelpunkt. „Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt“, heißt es im Manifest der „Brücke“-Künstler, das Ernst Ludwig Kirchner 1906 in Holz schnitt.

Der erste Teil der Sammlungspräsentation zeigt eine Zusammenstellung aus Frauenporträts, gefolgt von ausgesuchten Einzelpräsentationen. Kennzeichnend für die Porträts der expressionistischen Künstler ist nicht die detailgetreue Darstellung vorgegebener Posen, sondern der unverfälschte Ausdruck einer inneren, subjektiven Wahrnehmung. So fanden die Expressionisten ihre „Modelle“ in Geliebten, Freunden, Bekannten und den Mitmenschen aus ihrem unmittelbaren Lebensumfeld, wie sich gleich zu Beginn der Ausstellung an der Malerei Das Spanische Mädchen (1912) von Alexej von Jawlensky (1864–1941) nachvollziehen lässt. Für die Porträtreihe der „Spanierinnen“, die über mehrere Jahre hinweg entstanden ist, saß oftmals der befreundete Tänzer und Choreograf Alexander Sacharoff in seinen Bühnenkostümen Modell.

Zwei Porträts, die Max Kaus (1891–1977) von seiner Frau Gertrud Kant, genannt Turu, angefertigt hat, veranschaulichen die Nähe zwischen Modell und Künstler aufs Eindringlichste: Das Porträt der jungen Turu (Liegende Frau , 1921) ist ein Kennenlernen der jungen Frau, das zwanzig Jahre später entstandene Bild hält ihre Erkrankung fest und bezeugt sein langes Abschiednehmen von ihr. Hingegen rückt sich Erich Heckel (1883–1970) in dem Holzschnitt Männerbildnis (1919) mit abgewandtem nachdenklichem Blick, tiefen Falten und einer Grünfärbung des Gesichts als einen von den Schrecken des überstandenen Ersten Weltkriegs im wahrsten Sinne des Wortes Gezeichneten selbst ins Bild. Der Streifzug durch die Werke der Sammlung Selinka lässt anhand zahlreicher Druckgrafiken und einiger Gemälde erkennen, wie sich die Künstler weniger an einem Abbild der Realität als einem „Fühlen“ eines Inhalts orientierten.

Expressionismus. Sammlung Selinka
17. Oktober 2020 bis 7. Februar 2021

Kunstmuseum Ravensburg
Burgstraße 9
D-88212 Ravensburg
https://www.kunstmuseum-ravensburg.de

Öffnungszeiten:
Di bis So 11-18 Uhr
Donnerstag 11-19 Uhr