Galerie Welt im Umbruch. Von Otto Dix bis August Sander – Kunst der 20er Jahre

Die Ausstellung „Welt im Umbruch. Von Otto Dix bis August Sander – Kunst der 20er Jahre“ beleuchtet eine Zeit der Extreme und Gegensätze, voller Hoffnung und Elend, Licht und Schatten, die auch Assoziationen an die Gegenwart wecken. Im Dialog zwischen Malerei und Fotografie stellt die Schau Höhepunkte einer Kultur vor, die künstlerisch voller Innovationen steckte und in der sich zugleich Vorboten des kulturellen Niedergangs im Nationalsozialismus mehrten.

Die moderne Stilrichtung der Neuen Sachlichkeit in der Malerei und des Neuen Sehens in der Fotografie strebte eine sachliche und realistisch-veristische Wiedergabe des Bildgegenstands an. Charakteristisch ist der kühle distanzierte Blick auf das Geschehen, der die Welt ohne Illusionen, nüchtern und weitgehend emotionslos erfasst. In Abkehr von dem hymnischen Pathos des Expressionismus richteten die Maler*innen nunmehr ihre Aufmerksamkeit auf vermeintlich Banales, auf den Alltag der Großstadt und auf „hässliche“ Sujets.

Wie die Malerei befand sich auch die Fotografie Anfang der Zwanziger Jahre im tiefgreifenden Umbruch. Statt malerischer Unschärfe, die eine Nähe zur Kunst des Impressionismus und Symbolismus suggerierte, bekannten sich die modernen Fotograf*innen zur Bildschärfe und zu einer unmanipulierten Darstellung der Wirklichkeit. Zeitgenössische Kunstkritiker wie Adolf Behne oder Paul Westheim haben auf die Präsenz einer fotografischen Ästhetik in der Malerei der Neuen Sachlichkeit schon frühzeitig hingewiesen. Zu dieser Präsenz des Fotografischen zählen die wirklichkeitsgetreue Wiedergabe von Stofflichkeit, Materialität und Oberflächentextur, außerdem die Fragmentierung und Isolierung des Gegenstands, oder die Wahl von Nah-, Auf- und Schrägsichten, welche die Komposition in einen dynamischen Bildraum verwandeln.

Die figurative Malerei und Fotografie der 20er Jahre verbindet die Rückbesinnung auf den Gegenstand. Technische Apparate oder gewöhnliche Alltagsobjekte wurden mit liebevoller Hingabe zum Detail wiedergegeben. Dieses Bekenntnis zur „Ordnung der Dinge“ geht in der Malerei einher mit einer Rückbesinnung auf handwerkliche Traditionen. Mit Hilfe der altmeisterlichen Öllasurtechnik ließen sich beispielsweise Gegenstände wirklichkeitsnah darstellen und zugleich jede gestische Spur zugunsten einer glatten Oberfläche tilgen. Die besondere Eigenschaft, die Oberfläche und Gestalt prägnant zu erfassen, prädestinierte die Fotografie für den Einsatz in der Reklame im Wechselspiel mit moderner Typografie und Bildmontage.

Diese allgegenwärtige Ästhetisierung des Alltäglichen fand bei Zeitgenossen nicht nur Zustimmung, sondern rief auch Kritik hervor. Walter Benjamin beispielsweise warf dem Fotografen Albert Renger-Patzsch Verklärung und Verschleierung der eigentlichen Realitätsverhältnisse vor und kritisierte die neusachliche Fotografie als modische Affirmation der bestehenden Ordnung im Kapitalismus. Diese Systemkritik schloss in den Zwanziger Jahren auch die allgemeine Technikeuphorie in einer modernen Industriegesellschaft mit ein. Die vielfach als Maschinenkunst bezeichnete Fotografie schien besonders dafür geeignet, die Welt der Technik und die Stätten der industriellen Produktion bildlich zu erfassen. Doch auch Maler wie Carl Grossberg widmeten sich in ihren Werken dem Innenleben von Fabrikanlagen wie Kessel, Druckwalzen oder Gasometer. Die Schattenseiten einer technisierten Gesellschaft blieben in der Malerei und Fotografie jedoch weitgehend ausgespart.

Die Ausstellung spürt diesem künstlerischen Dialog zwischen Malerei und Fotografie erstmals mit besonderem Fokus auf sieben Kapitel nach: Stillleben / Die Dinge, Maschinenkunst und Technikkult, Akt und Selbstbildnisse, Individualporträt und Typenbildnis, Architektur / Stadtansicht sowie politische Collagen. Das letzte Kapitel präsentiert Arbeiten von Karl Hubbuch, Georg Scholz und John Heartfield, in denen sich die gesellschaftliche Entwicklung in der Weimarer Republik kritisch verdichtet.

Ausstellung und Publikation präsentieren Werke von Künstler*innen, die in Deutschland zwischen 1920 und 1935 gelebt und gewirkt haben. Neben circa 250 Fotografien, Gemälden und Grafiken werden auch die wichtigsten Fotopublikationen der Zeit zu sehen sein. Die Künstler*innen der Ausstellung sind u.a. Aenne Biermann, Erwin Blumenfeld, Otto Dix, Hugo Erfurth, Carl Grossberg, George Grosz, Florence Henri, Hannah Höch, Karl Hubbuch, Germaine Krull, El Lissitzky, László Moholy-Nagy, Albert Renger-Patzsch, Walter Peterhans, Max Radler, August Sander, Georg Scholz, Sasha Stone, Umbo. Die Ausstellung ist in Kooperation mit dem Bucerius Kunst Forum Hamburg realisiert worden.

Welt im Umbruch
Von Otto Dix bis August Sander – Kunst der 20er Jahre
2. Oktober 2020 bis 10. Januar 2021
Eröffnung: 1. Oktober 2020, 19.00 Uhr

Münchner Stadtmuseum
St.-Jakobs-Platz 1
D-80331 München
https://www.muenchner-stadtmuseum.de

Öffnungszeiten:
Di bis So 10–18 Uhr

Galerie Gerhard Richter. Landschaft

Die große Herbstausstellung 2020 widmet das Kunstforum Wien einem Künstler, der in der österreichischen Hauptstadt bis dato nur selten zu Gast war: Gerhard Richter (geb. 1932 in Dresden), der international als der bedeutendste lebende Maler gilt, wird im Kunstforum eine umfangreiche Retrospektive seiner Landschaftsbilder zeigen. Es handelt sich um die weltweit erste Ausstellung, die dieses Genre umfassend beleuchtet.

Neben zahlreichen Ölgemälden werden auch Zeichnungen, Druckgrafiken, Fotoarbeiten, Künstlerbücher und Objekte ausgestellt, die das Thema „Landschaft“ von den 1960er-Jahren bis heute reflektieren. Dabei werden sowohl bekannte Hauptwerke, als auch Arbeiten präsentiert, die selten oder noch nie öffentlich zu sehen waren. Die Ausstellung gliedert sich in fünf große thematische Abschnitte und setzt mit jenen Landschaften ein, die Richter auf Basis von eigenen oder gefundenen Fotomotiven produziert hat und deren Ausschnitthaftigkeit, Bildaufbau und Farbigkeit eine dezidiert fotografische Ästhetik aufweisen.

Eine „Sehnsucht“ und den „Traum nach klassischer Ordnung und heiler Welt“ drückt Richter in zahlreichen atmosphärischen Landschaftsbildern aus, die an die Kunst Caspar David Friedrichs erinnern. Richter überdenkt die verlorenen Möglichkeiten einer Malerei, wie sie noch in der Romantik praktiziert werden konnte. Er nennt seine Bilder „Kuckuckseier“, da sie als romantisch empfunden werden, aber die geistige Tradition Friedrichs nicht mehr fortsetzen können.

Die Landschaft spielt auch in Hinblick auf die Entwicklung von Richters abstrakter Malerei eine Schlüsselrolle: Vor allem in den 1960er- und 1970er-Jahren entstanden stark abstrahierte Gebirgs-, Park-, Sternen- und Meeresbilder. Diese Werke changieren zwischen abbildhaft dargestellten Landschaften und einer selbstbezüglichen Farbmaterie in breiten, pastosen Pinselstrichen. In den 1970er- und 1990er-Jahren produzierte Richter Landschaftsbilder auch in Form fiktionaler Konstrukte, die in der Realität kaum oder gar nicht existieren können. Meeres-, Berg- und Wolkenbilder wurden motivisch so zusammengesetzt, dass sie aufgrund ihrer Größe oder Konstellation eine Totalität von Natur suggerieren, die jede reale Erfahrung übersteigt. Richter scheint mit diesen visionären Entwürfen der ästhetischen Kategorie des Erhabenen nachzuspüren.

Schließlich präsentiert die Ausstellung auch abstrakte Übermalungen: Auf die Oberfläche landschaftlicher Gemälde, Fotografien und Druckgrafiken wurde Ölfarbe in nicht abbildhafter Form aufgetragen. Die beiden simultanen Wirklichkeitsebenen gehen in jenen Werken paradoxerweise eine enge, raffinierte Verbindung ein; sie erscheinen als eine ineinander verzahnte Einheit, deren Spannung aus dem deutlichen Gegensatz der verschiedenen Produktionsformen herrührt. Dadurch ergibt sich eine überraschende Ambivalenz von Realismus und Ungegenständlichkeit, von Schein und Wirklichkeit.

Bedeutende institutionelle Leihgeber und zahlreichen hochkarätigen Privatsammlungen unterstützen das langjährig vorbereitete Ausstellungsprojekt. Die Schau wird an die 150 Arbeiten umfassen und mit großzügiger Hilfe von Gerhard Richter sowie in Kooperation mit dem Kunsthaus Zürich realisiert.

Gerhard Richter. Landschaft
1. Oktober 2020 bis 14. Februar 2021

Kunstforum Wien
Freyung 8
A-1010 Wien
https://www.kunstforumwien.at

Öffnungszeiten:
täglich 10-18 Uhr

Galerie Lucy McKenzie. Prime Suspect

Lucy McKenzie (geb. 1977 in Glasgow), bekannt für ihren malerischen Einsatz illusionistischer Trompe-l’oeil-Effekte und architektonisch skalierte Installationen, etablierte sich schnell als eine der bemerkenswertesten Künstlerinnen ihrer Generation. Die in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin selbst entwickelte Ausstellung wird mit über 100 Werken aus der Zeit von 1997 bis heute erstmals den gesamten Umfang ihres Schaffens untersuchen.

Beispiele aus allen bedeutenden Werkgruppen der Künstlerin sind versammelt, angefangen bei frühen Gemälden, die sich auf Popmusik und die Olympischen Spiele in der Ära des Kalten Krieges beziehen, über ihre anschließende Auseinandersetzung mit den Traditionen der schottischen und osteuropäischen Wandmalerei und der belgischen Illustration bis zu großformatigen Gemälden, die auf Grundlage von historischen Baustilen entstanden.

Ebenfalls enthalten sind Werke aus ihrem kollaborativen Modelabel und Forschungsbüro Atelier E.B. und jüngste Arbeiten, die die Grenzen zwischen Malerei, Skulptur und Möbel verwischen und zum Teil speziell für die Ausstellung entwickelt wurden.

Lucy McKenzie. Prime Suspect
10. September 20 bis 21. Februar 21
Eröffnung: 9. September 20, 19 Uhr

Museum Brandhorst
Bayerische Staatsgemäldesammlungen
Kunstareal München, Türkenstraße 19
D-80333 München
https://www.museum-brandhorst.de

Öffnungszeiten:
Di bis So 10-18 Uhr
Donnerstag 10-20 Uhr

Galerie Michael Armitage. Paradise Edict

Der junge britisch-kenianische Maler Michael Armitage (geb. 1984 in Nairobi, Kenia) ist binnen kürzester Zeit zu einer der spannendsten Stimmen der Gegenwartsmalerei avanciert. In seinen großformatigen, farblich nuancierten Ölgemälden verbindet er europäische und ostafrikanische Themen und Maltraditionen.

Inspiration erwächst ihm aus tagespolitischen Ereignissen, Popkultur, Folklore und persönlichen Erinnerungen, die er zu mythisch aufgeladenen und traumhaft anmutenden Bildern verwebt. Mit „Paradise Edict“ hat Michael Armitage, der im Herbst mit dem renommierten Ruth-Baumgarte-Preis ausgezeichnet wird, seine bislang umfassendste Präsentation in einem Museum, und zugleich seine erste in Deutschland.

Auf das durch die europäische Kunstgeschichte geschulte Auge wirken die Gemälde von Michael Armitage anziehend und seltsam vertraut wie bei einem Déjà-vu Erlebnis. In kompositorischen Elementen, Motiven oder Farbkombinationen findet sich die Ikonografie von Tizian, Francisco de Goya, Édouard Manet, Paul Gauguin, Vincent Van Gogh oder Egon Schiele wieder.

So thematisiert der in Kenia aufgewachsene und an der Slade School of Art und der Royal Academy of Arts in London ausgebildete Maler geschickt den europäischen Blick und den damit verbundenen Exotismus in der Betrachtung des Anderen. Ebenso inspirierend für seine Palette und Symbolik sind die Werke ostafrikanischer Künstler, denen in der Präsentation im Haus der Kunst im Sinne einer Hommage ein eigener Raum gewidmet ist.

Michael Armitage. Paradise Edict
4. September 20 bis 14. Februar 21
Eröffnung: Do 3. September 20, 17.30 Uhr

Haus der Kunst
Prinzregentenstraße 1
D-80538 München
https://hausderkunst.de

Öffnungszeiten
Mo bis So 10-20 Uhr
Donnerstag 10-22 Uhr

Galerie Über Mütter

Maria Rolly kommt am 29. Oktober 1925 in Basel zur Welt, wo sie auch heute noch lebt. Ihre Kindheit und Jugend verbringt sie bei den Grosseltern und bei einer Tante. Niemals aber lebt Maria Rolly bei ihrer Mutter. Ihren leiblichen Vater kennt sie nicht. Der spätere Stiefvater ist ein ruhiger und hilfsbereiter Mann. 1951 heiratet sie den Basler Grafiker Hanspeter Rolly. Sie bekommen zwei Söhne. Mit 40 Jahren beginnt sie als Autodidaktin zu malen.

Schnell wird die Öffentlichkeit auf Maria Rollys naiv anmutende Malerei aufmerksam. Sie findet Eingang in Galerien und Sammlungen. „Naiv“ malt die Künstlerin auch für die nächsten zwei Jahrzehnte. Ihr 16-teiliger „Mütter-Zyklus“, den das Museum im Lagerhaus 2019 von ihr als Schenkung erhalten hat und der als solitäres Werk Rollys bezeichnet werden kann, entsteht erst 1988–1991. Es ist eine Werkreihe, die durch ihre Andersartigkeit hervorsticht. In ihr befasst sich Maria Rolly im Alter von 63 Jahren mit ihrer nie gelebten Mutter-Tochter-Beziehung. Zu diesem Zeitpunkt ist die Mutter der Künstlerin frisch verwitwet und selbst 82 Jahre alt.

Diese Situation ist Auslöser, dass Rolly erstmals in ihrem Leben ins Gespräch mit ihrer nun vereinsamten Mutter kommt. Dabei erkennt die Künstlerin deren Unvermögen, Mutter zu sein. Rolly macht sich an die Aufarbeitung dieser Erkenntnis, indem sie 16 Mütter in grossformatigen Pastellkreide-Zeichnungen inszeniert. Jede verkörpert dabei unterschiedliche Formen von Mutter-Sein: von böse über liebevoll bis zu janusköpfig. Es ist ein Versuch, die eigene Mutter und ihr Handeln akzeptieren zu können und sich noch spät mit ihr auszusöhnen.

Das Museum im Lagerhaus präsentiert den „Mütter-Zyklus“ in seiner Gesamtheit, flankiert von Werken aus der Museumssammlung von Adelheid Duvanel (1936–1996), Reni Blum (1934–2003) und Berta Balzli (1920–2010).

Über Mütter
1. September bis 15. November 2020
Vernissage: Mo 31. August 20, 18.30 Uhr

Museum im Lagerhaus
Davidstrasse 44
CH-9000 St. Gallen
https://www.museumimlagerhaus.ch

Öffnungszeiten:
Di bis Fr 14–18 Uhr
Sa, So & Fe 12–17 Uhr