Galerie «Wo Wir»

In der Ausstellung «Wo Wir» finden drei unterschiedliche Projekte zusammen, die alle unbefangen und lustvoll dem ‘Genius Loci‘ (lat.: Geist des Ortes), sowie dem institutionellen ‘Modus Operandi‘ (lat.: Art des Handelns), nachgehen und diese hinterfragen. Ein Moment der Selbstreflexion stellt sich in «Wo Wir» ein, wobei nicht der Entwurf eines neuen Ausstellens sondern viel mehr der sozialpolitische Kontext erprobt wird, in dem sich sowohl Künstler*innen als auch Institutionen bewegen.

Das gleichzeitige Nebeneinander der fotografischen Arbeiten von Katalin Deér und Jiří Makovec im Hauptraum, der Installation von Caroline Ann Baur und Vanessà Heer, und der mit der Ausstellungsdauer wachsenden Untersuchung des Archivs der Kunst Halle Sankt Gallen, eröffnet hierbei einen vielfältigen Raum des bewussten Wahrnehmens und Erforschens subjektiver Realitäten. So können alle Projekte – auf ihre Weise – als Versuch gelesen werden, in der Annäherung, Distanzierung von und Befragung der Wirklichkeit deren Wirkungsmächten nachzuspüren.

Seit Jahren ergründen Katalin Deér und Jiří Makovec durch die Kameralinse ihre jeweilige Umgebung und loten die Möglichkeiten des Mediums sowie der vermittelten Wahrnehmung aus. Erstmals wird ihre Praxis parallel und im Dialog gezeigt, mit einem Fokus auf Arbeiten, die eine geographische Nähe zur Kunst Halle Sankt Gallen aufweisen. Diese Nähe kann aber auch emotionaler Natur sein, oder sich als konzeptionelles und ästhetisches Konstrukt erweisen. Nicht das unmittelbar Sichtbare sondern das unsichtbare Latente bildet den Fokus des zweiten Teils der Ausstellung, in dem Caroline Ann Baur und Vanessà Heer Möglichkeiten des aktiven Zuhörens und kollektiven Kreierens erproben. In der Vermischung verschiedener Kontexte, Kollaborationen und Räume schaffen sie dabei einen neuen Denkraum, in dem Fragen nach dem Verborgenen, Impliziten und Dazwischen erklingen.

Räumlich erfahrbar wird auch das Archiv der Kunst Halle Sankt Gallen, das deren 35-jährige Ausstellungspraxis dokumentiert und erstmals öffentlich zugänglich gemacht wird. In der Untersuchung des historischen Bewusstseins, soll die Möglichkeit geschaffen werden, Bewährtes einer neuen Unsicherheit auszusetzen. Nicht als gesetztes Archiv sondern als prozesshafte Neuordnung werden dabei während der Dauer der Ausstellung Änderungen sichtbar: Bildmaterial wird digitalisiert, Dokumente neu ausgelegt und Fragen öffentlich aufgeworfen. Ein Hinweis darauf, dass die Auslegeordnung nicht als Anspruch der Verständlichkeit und Linearität verstanden wird, sondern als Arbeitsstation und Ausgangspunkt, die institutionelle Identität zu erforschen und neu zu betrachten.

«Wo Wir» wurzelt in einer historischen Zeit, in der Fragilitäten sichtbar, aber auch neue Kräfte befreit werden. Dieser Zustand hat einen direkten Einfluss auf die institutionelle Realität, aber auch auf die Produktion von Kunst. Mit «Wo Wir» will die Kunst Halle Sankt Gallen die Basis für eine anhaltende Diskussion über ihre Funktion und die künstlerischen sowie gesellschaftlichen Bedürfnisse, die gerade neu entstehen oder schon länger eingefordert werden, schaffen.

«Wo Wir»
12. Dezember 2020 bis 14. Februar 2021
Eröffnung: Sa 12. Dezember 2020, 11 Uhr

Kunst Halle Sankt Gallen
Davidstrasse 40
CH-9000 St.Gallen
https://www.kunsthallesanktgallen.ch

Öffnungszeiten:
Di bis Fr 12–18 Uhr
Sa & So 11–17 Uhr

Galerie Katja Aufleger. Gone

In ihrer ersten Einzelausstellung in der Schweiz präsentiert die Künstlerin Katja Aufleger (1983*, Oldenburg) im Museum Tinguely zerbrechliche Skulpturen, gefährliche Chemikalien und Videoarbeiten aus den letzten zehn Jahren ihres Schaffens. Mit transparenten Materialien wie Glas, Plastik und bunten Flüssigkeiten, aber auch mit immateriellen Komponenten wie Klang und Bewegung entwickelt Aufleger fragile Installationen und Filme.

Dabei wirken die Objekte auf den ersten Blick vertraut und anziehend, doch bei näherer Betrachtung wird klar, dass den Werken ungewisse oder gar gefährliche Spannungen innewohnen. Mit solchen Ambivalenzen übt die Künstlerin Institutionskritik, hinterfragt Machtstrukturen und Systeme. Die Ausstellung «Gone» ist bis zum 14. März 2021 zu sehen und wird von einer Publikation begleitet, die erstmals einen umfassenden Überblick zu ihrem Werk bietet.

Katja Aufleger. Gone
2. Dezember 2020 bis 14. März 2021

Museum Tinguely
Paul Sacher-Anlage 2
CH-4002 Basel
https://www.tinguely.ch

Öffnungszeiten:
Di bis So 11-18 Uhr

Galerie Theater des Überlebens

Martin Disler, 1949 in Seewen/CH geboren, war Zeichner, Maler, Bildhauer, Dichter, Autodidakt. Er lebte als ruheloser Reisender in Zürich, Amsterdam, Lugano, Samedan, Mailand und zuletzt in Les Planchettes im Schweizer Jura. Im Alter von nur 47 Jahren ist Martin Disler an den Folgen eines Hirnschlags gestorben.

Erste internationale Aufmerksamkeit erreichte Disler mit seiner Ausstellung «Invasion durch eine falsche Sprache» in der Kunsthalle Basel 1980. Die folgenden Jahre beschieden ihm eine rasant wachsende Anerkennung mit Einzelausstellungen unter anderem in den oben genannten Institutionen sowie im ARC Paris und dem Museu de Arte Moderna Sao Paolo. Im Jahr 2007 wird die Einzelausstellung Von der Liebe und anderen Dämonen. Martin Disler: Werke 1979–1996 im Aargauer Kunsthaus Aarau gezeigt und im selben Jahr erscheint die grosse Monografie Martin Disler 1949–1996, herausgegeben von Franz Müller.

Die frühe Malerei Dislers besteht aus grossformatigen Leinwänden mit zügig aufgetragener Acrylfarbe und klar erkennbaren Motiven, die in ihrer freien Kombination überraschen. Kräftige Farben und ausgedehnte Flächen dominieren in dieser Zeit Dislers Bilder. Die Gemälde bestechen durch eine kraftvolle Unmittelbarkeit, die durch die Lapidarität der Motive und Malweise noch gesteigert wird.

Die späteren Bilder Dislers werden malerisch anspruchsvoller und lassen dabei immer weniger figurative Motive erkennen, auch wenn Disler die Figuration nie ganz aufgeben wird. Ihre ausserordentliche Dynamik und Wucht verdanken sie, neben ihrer Grösse, auch dem Malprozess Dislers, der die Farbe mit Pinsel, Händen und Fingern auftrug, um sie dann mit dem Messer wieder abzunehmen, vergleichbar der Arbeit an einer Plastik. Disler ertastete und formte seine Bilder ganz körperlich, in einem Prozess kontinuierlicher Verdichtung.

Anfang der 1980er-Jahre wandte sich Disler auch der Druckgrafik zu, bei der er ebenfalls mit extrem grossen Formaten arbeitete. Er beschäftigte sich intensiv mit den verschiedenen Techniken und den Herausforderungen des druckgrafischen Prozesses. Seit Mitte der 1980er-Jahre entstand zusätzlich zu Malerei und Grafik ein umfangreiches dreidimensionales Werk. Die Skulpturen bedeuteten für Disler eine konsequente Fortführung seiner Mal-, Zeichen- und Druckprozesse. Die Terrakotta-Skulpturen zeigen eine Reihe von flachen Hängemasken oder Totenschädeln neben vollplastischen Objekten mit mehreren Köpfen. Sie erinnern sowohl an menschliche wie an tierische Köpfe, die ineinander verschlungen aus demselben Grund wachsen. Starke Aushöhlungen lassen an Blumenkübel denken.

Das Schreiben ist für Martin Disler von grosser Bedeutung, mehrere Romane und Erzählungen bleiben unveröffentlicht, weil sie seiner eigenen Kritik nicht standhalten. Schreiben wird in den letzten fünf Jahren seines Lebens zu einer zentralen Beschäftigung. Über ein Dutzend Künstlerbücher versieht er mit Texten. Im Roman «Bilder vom Maler» wird seine ausserordentliche Sprachkraft deutlich, die von nun an das bildnerische Schaffen regelmässig und mit einer schmerzenden Eindringlichkeit begleitet. Darin schildert Martin Disler die künstlerische Existenz in einer Sprache, die Verausgabung und Exzess spiegelt.

Die Ausstellung im Kirchner Museum zeigt die letzten zehn Schaffensjahre von Martin Disler in einem spannenden Dialog mit Werken und Schriften von Ernst Ludwig Kirchner aus der Sammlung des Kirchner Museum Davos sowie aus Schweizer privat und öffentlichen Sammlungen. Zusammenhänge in den verschiedenen Ausdrucksmitteln und Gattungen werden sowohl bei Martin Disler als auch bei Ernst Ludwig Kirchner vertieft. Die Bedeutung des Körpers und seine Rolle im kreativen Akt, Körpersprache, Tanz, Bewegung, Gestik, Ausdruck, Abstraktion und Figuration werden interpretiert und thematisiert.

Neben Malerei, Druckgraphik und Zeichnung, wird die Skulptur einen zentralen Stellenwert einnehmen. Skulpturen von Ernst Ludwig Kirchner verschiedener stilistischen Epochen werden mit einer Auswahl von menschengrossen Bronzeskulpturen Martin Dislers der Werkgruppe «Häutung und Tanz», die in einem intensiven Schaffensprozess in den Jahren 1990-91 realisiert wurde und in der Whitechapel Art Gallery in London, in der Kunsthalle Basel, im Kunstforum der Städtischen Galerie im Lehmbachhaus München, im Wilhelm Lehmbruck Museum Duisburg, 1994 in Castel Grande in Bellinzona und 2019 im Skulpturenpark Waldfrieden präsentiert wurde, das Thema menschliche Figur szenographisch und klassisch zur Schau bringen.

Die Skulpturen Dislers sind Materialisationen eines Körperdenkens. Sie verbildlichen den Menschen in seiner Zerrissenheit und Verwundbarkeit, eine Darstellung der menschlichen Seele, die man in den Holzfiguren und Malereien Ernst Ludwig Kirchners nachvollziehen und als zeitloses «Theaters des Überlebens» verstehen kann.

Theater des Überlebens
Martin Disler - Die späten Jahre
29. November 2020 bis 7. November 2021

Kirchner Museum Davos
Ernst Ludwig Kirchner Platz
Promenade 82
CH–7270 Davos Platz
https://www.kirchnermuseum.ch

Öffnungszeiten:
Di bis So 11-18 Uhr

Galerie Klaudia Schifferle – Works from the 80’s

An Klaudia Schifferle (*1955, lebt und arbeitet in Zürich) kam in den 1980er Jahren niemand vorbei. Mit ihrer jugendlich-frischen Formensprache und einer aufs Wesentliche reduzierten Figuration begeisterte sie die Szene; zuerst mit Fotografien und krakeligen Zeichnungen, später dann mit Malerei, die sie gerne in Lackfarben auf gerne grossformatige Leinwand und Papiere brachte. Als jüngste jemals dort gezeigte Künstlerin nahm sie 1982 an der Documenta in Kassel teil und realisierte im Jahr 1984 eine Einzelausstellung in der Kunsthalle Winterthur.

Neben dem eindrücklichen Erfolg in der zeitgenössischen Kunst hatte Klaudia Schifferle zwischen 1978 und 1983 eine parallel dazu verlaufende Karriere als Bassistin der ersten weiblichen Punkband der Schweiz, genannt Kleenex respektive LiLiPUT. Die Kombination von Punk und zeitgenössischer Kunst war in den 1980ern an Coolness nur schwer zu überbieten und so verkörperte Klaudia Schifferle wie kaum eine zweite das Lebensideal einer jungen Künstlergeneration: Punk, Kunst, Frau: es war ganz einfach das Gesamtpaket.

So wie in den von ihr (mit)geschriebenen Punksongs, so geht es auch in Klaudia Schifferles Bildern nicht um eine künstlerische Auseinandersetzung mit Sachthemen, sondern viel eher um emotionale Zustandsberichte. Dies darf keineswegs als Nabelschau missverstanden werden, denn ihre Perspektive bleibt eher beobachtend denn selbstexpressiv: Die Auswahl von Arbeiten, welche die Kunsthalle Winterthur unter dem „Titel Works from the 80’s“ zeigt, beschränkt sich mehrheitlich auf die erste Hälfte der 80er Jahre, da sich damals die damit verbundene bildnerische Sprache am radikalsten und kompromisslosesten entfaltete.

Klaudia Schifferle - Works from the 80’s
22. November 2020 bis 24. Januar 2021

Kunsthalle Winterthur
Marktgasse 25
CH-8400 Winterthur
https://kunsthallewinterthur.ch

Öffnungszeiten:
Mi bis Fr 12–18 Uhr
Sa & So 12–16 Uhr

Galerie „weit“ in der IG Halle im Kunst(Zeug)Haus Rapperswil

Die neue Ausstellung der IG Halle kommt zum richtigen Zeitpunkt: In einer Situation, die weltweit von Angst, Bedrohung und Einschränkungen geprägt ist, eröffnet die IG Halle am 22. November eine Gruppenausstellung mit dem Thema Weite. Eine politische Ausstellung ist es deswegen nicht. Vielmehr nimmt sie aktuell die Funktion der Kunst wahr, den Blick zu erweitern und neue Perspektiven zu öffnen.

Strassen bis zum Horizont: In den Weiten Nordamerikas dokumentiert der Fotograf Tom Haller verlassene und zerfallende Orte, Zeugen von Illusion und Verlust im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Auch Dominique Teufen schafft Landschaftsbilder – allerdings mit ebenso überraschenden wie einfachen Mitteln. Genauso wie Gian Häne in seinen neuen Horizonten erforscht sie dabei die Weiten und Grenzen der Einbildungskraft. Esther Mathis führt unsere Fantasie sogar ins Weltall, mit Sternen, die eigentlich Staub sind aus verschiedenen Städten Europas. Ruth Maria Obrist hingegen gelingt es, mit Materialien wie Kupfer, Gold oder Samt einen inneren Raum zu berühren oder tiefe, unbekannte Räume anklingen zu lassen.

Wo Weite ist, ist auch Leere nicht weit: Gilgi Guggenheim widmet ihr seit 2016 in einem eigenen Museum of Emptiness in St.Gallen unkonventionelle Ausstellungen und Anlässe – nun auch im Kunstzeughaus mit einem immateriellen Werk. Die Grenze zwischen dem Materiellen und dem Immateriellen ist es auch, die Bernadette Gruber in ihren Carborundum-Drucken beschäftigt. Besonders aktuell ist eine neue Installation von Hans Thomann: Das Mobile aus Fluchtfigur, Pfeil und Notausgangstür greift Grundfragen der menschlichen Existenz auf, die – nicht nur jetzt – auch Orientierungslosigkeit und Fluchtversuche ansprechen.

Künstler*innen: Tom Haller, Ruth Maria Obrist, Hans Thomann, Dominique Teufen Gian Häne, Gilgi Guggenheim mit Museum of Emptiness, Esther Mathis, Bernadette Gruber

weit
22. November 2020 bis 7. Februar 2021

IG Halle im Kunst(Zeug)Haus Rapperswil
Schönbodenstrasse 1
CH-8640 Rapperswil
https://www.ighalle.ch

Öffnungszeiten:
Mittwoch 14–20 Uhr
Donnerstag 14–17 Uhr
Fr bis So 11–17 Uhr