En Passant. Impressionismus in Skulptur

Der Impressionismus fasziniert auch anderthalb Jahrhunderte nach seiner Entstehung. Vor allem die Malerei mit ihrem lockeren, skizzenhaft anmutenden Duktus, der hellen Farbpalette und den alltäglichen Motiven ist jedermann vertraut. Bis heute weniger erforscht und einem breiten Publikum unbekannt ist hingegen die Vielfalt des Impressionismus in der Skulptur. Das Städel Museum geht in einer großen Ausstellung vom 19. März bis 28. Juni 2020 erstmals der Frage nach, wie sich Eigenschaften der impressionistischen Malerei wie Licht, Farbe, Bewegung – sogar Flüchtigkeit – in der Bildhauerei manifestiert haben.

Im Mittelpunkt der Präsentation stehen fünf Künstler: Edgar Degas (1834–1917), Auguste Rodin (1840–1917), Medardo Rosso (1858–1928), Paolo Troubetzkoy (1866–1938) und Rembrandt Bugatti (1884–1916). Mit ihren Werken stehen sie stellvertretend für unterschiedliche Spielarten der impressionistischen Skulptur. Die Schau vereint herausragende Skulpturen der fünf Künstler und setzt sie in Dialog mit Gemälden, Pastellen, Zeichnungen, Druckgrafiken und Fotografien des Impressionismus. Es sind u. a. Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern wie Pierre Bonnard, Antoine Bourdelle, Mary Cassatt, Camille Claudel, Henri Matisse, Claude Monet, Auguste Renoir, Giovanni Segantini und John Singer Sargent zu sehen.

Mit mehr als 160 Werken liefert die Ausstellung einen umfassenden Einblick in die Möglichkeiten und Herausforderungen des Impressionismus in der Skulptur. Neben bedeutenden internationalen Leihgaben etwa aus dem Museum of Fine Arts, Boston, der Ny Carlsberg Glyptotek in Kopenhagen, der Tate Modern in London, dem Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid, dem Metropolitan Museum of Art in New York, dem Musée d’Orsay in Paris sowie zahlreichen privaten Sammlungen zeigt die Ausstellung auch den reichen Sammlungsbestand impressionistischer Kunst des Städel Museums.

Mit der Präsentation der berühmten Kleinen 14-jährigen Tänzerin (1878/81) von Edgar Degas auf der sechsten Impressionisten-Ausstellung im Jahr 1881 nahm die Diskussion über den Impressionismus in der Skulptur ihren Anfang. Es ist demnach keine Frage, ob es die impressionistische Skulptur gibt: Sie wurde zwar verhalten definiert und vorwiegend in Kritikerkreisen diskutiert, der Begriff galt aber bis nach der Jahrhundertwende als gesetzt. Degas, Rodin, Rosso, Troubetzkoy und Bugatti wurden alle zu Lebzeiten als „impressionistische Bildhauer“ bezeichnet. Die Gründe dafür waren vielfältig: Zum einen wandten sich diese fünf Künstler mehr und mehr zeitgenössischen, häufig alltäglichen Themen zu. Zum anderen griffen sie auf Materialien jenseits des akademisch-klassischen Marmors zurück und verwendeten beispielsweise Wachs nicht nur für Entwürfe, sondern auch für ausgearbeitete Skulpturen. Anstatt die Oberflächen glatt und geschlossen anzulegen, arbeiteten sie lebhafte Strukturen heraus, in denen sich das Licht brechen konnte. Auch durch die Sichtbarkeit von Arbeitsspuren näherten sich ihre Skulpturen der Wirkung impressionistischer Gemälde an.

Gleichwohl setzte sich diese Stilbezeichnung in der Kunstgeschichtsschreibung nach dem Ersten Weltkrieg für Skulpturen – im Unterschied zur Malerei – nicht durch. Heutzutage wird der Begriff „impressionistische Skulptur“ in der Forschung kaum verwendet. Die Auseinandersetzung mit dem Thema wird letztlich auch dadurch erschwert, dass eine griffige Definition nicht möglich erscheint: Die impressionistische Skulptur gibt es ebenso wenig wie den Impressionismus. Das Städel Museum greift diesen Diskurs in der Ausstellung auf und stellt einen facettenreichen Impressionismus in der Skulptur vor.

Die Ausstellung beginnt im ersten Obergeschoss des Peichl-Baues und zeigt in überwiegend künstlermonografischen Räumen die unterschiedlichen Ansätze des Impressionismus in der Skulptur. Die Gegenüberstellung von Bildwerken, Gemälden, Zeichnungen, Druckgrafiken und Fotografien verdeutlicht die Wechselwirkungen zwischen den Medien.

Eingangs präsentiert die Schau drei der insgesamt siebzehn Skulpturen, die zwischen 1874 und 1886 im Rahmen der acht Impressionisten-Ausstellungen in Paris zu sehen waren. Diese Skulpturen – zwei Arbeiten des neoklassizistischen Bildhauers Auguste-Louis-Marie Ottin (1811–1890) und eine von Paul Gauguin (1848–1903) – werden unter anderem zu Gemälden und Grafiken von Mary Cassatt (1844–1926), Claude Monet (1840–1926) und Pierre-Auguste Renoir (1841–1919) in Beziehung gesetzt. Sie überraschen die Besucherinnen und Besucher, da sie keines der Merkmale aufweisen, die heute mit dem Impressionismus in Verbindung gebracht werden. Dennoch waren sie Exponate in den namensgebenden Impressionisten-Ausstellungen.

Mit Edgar Degas’ Plastik „Kleine 14-jährige Tänzerin“ (1878/81, Privatsammlung, Europa) stellt das Städel ein Hauptwerk des Impressionismus in der Skulptur vor. Als sie 1881 auf der sechsten Impressionisten-Ausstellung gezeigt wurde, führte der Kritiker Jules Claretie erstmals den Begriff des „impressionistischen Bildhauers“ ein. Degas wählte mit der Darstellung einer jungen Ballettschülerin ein seinerzeit aktuelles Thema aus dem Schattenbereich des Pariser Unterhaltungsgeschäftes. Die Darstellung einer jungen Ballerina wurde vom damaligen Publikum mit dem Thema der Prostitution verknüpft. Die Neuartigkeit des Motivs unterstrich Degas mit der damals in der Kunst unüblichen Verwendung von Alltagsmaterialien. Den Hauptbestandteil der Figur bildete Wachs, das sich zu einer als modern und unkonventionell empfundenen Alternative zu Marmor und Bronze entwickelte. Degas’ Skulptur steht prototypisch für eine Bildhauerei, die versuchte, mit neuartigen Materialien auf die Gegebenheiten einer sich grundlegend verändernden Gesellschaft zu reagieren.

Während Degas’ Kleine 14-jährige Tänzerin die einzige Skulptur ist, die der Künstler zu Lebzeiten ausstellte, können die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung auf eine große Bandbreite an Kleinplastiken blicken. Nach Degas’ Tod 1917 ließen seine Erben die in seinem Atelier verwahrten zahlreichen Wachsfiguren in dauerhaftes Material überführen und eine limitierte Anzahl von Bronzegüssen anfertigen. Die Skulpturen stehen in direktem Zusammenhang mit den von Degas zeitlebens bevorzugten Motivkomplexen der Tänzerinnen und Badenden, Boudoir-Szenen sowie Darstellungen von Pferden und Jockeys. Sie waren für den Künstler Teil eines medienübergreifenden Werkprozesses. Ausdrucks- und Bewegungsmotive erprobte er im Zwei- sowie Dreidimensionalen und profitierte von den jeweiligen Wechselwirkungen.

Der Rundgang leitet zu den Plastiken von Rembrandt Bugatti über. Diese entstanden in der Regel sur nature, also direkt vor seinen Modellen in den zoologischen Gärten von Paris oder Antwerpen. Bugattis Tierdarstellungen lösen sich von einer Tradition in der das Tier primär als Spiegel menschlicher Eigenschaften verstanden wurde. Vielmehr schuf er regelrechte Porträts von Panthern, Löwen oder Flamingos. Zugunsten der Wiedergabe von markanten Haltungen und Bewegungen verzichtete er auf Details. Mitunter ist das Motiv kaum noch erkennbar, wie etwa Bugattis Fressende Löwin (1903, The Sladmore Gallery, London) verdeutlicht. Für Bugatti war das rasche Modellieren vor Ort maßgeblich für das Gelingen eines Werkes. Für seine ausgesprochen freie Modelliertechnik verwendete er unter anderem einen neuartigen Werkstoff, das Plastilin, das sehr geschmeidig und lange formbar war. Die Offenheit von Bugattis Formen und die Sichtbarkeit der Bearbeitungsspuren ähneln den Oberflächen impressionistischer Gemälde.

In der Ausstellung werden Bugattis frühe Arbeiten von Kühen und Ziegen Gemälden seines Onkels Giovanni Segantini (1858–1899) gegenübergestellt. Neben der motivischen Nähe der beiden Künstler wird auch ihr gemeinsames Interesse am Verweben von Figur und Raum durch eine übergreifende Struktur und Harmonie deutlich.

Im Erdgeschoss des Peichl-Baues setzt sich die Ausstellung mit den Arbeiten von Medardo Rosso fort. Die französische Presse bezeichnete den Künstler bereits 1886 als den Begründer der impressionistischen Skulptur. Seine figurativen Arbeiten versuchen das Vergängliche, Flüchtige zu erfassen und beziehen dabei auch den umgebenden Raum mit ein. Wie Rosso dies umsetzte, lässt sich eindringlich am Beispiel der „Portinaia“ (1883/84, Guss 1887; Museum of Fine Arts, Budapest) sehen. Sie gilt in der Forschung als Schlüsselwerk. Dargestellt ist die Pförtnerin in Rossos Wohnhaus, an der er täglich vorbeiging. Diesen kurzen Augenblick des Wahrnehmens übertrug der Künstler in Form einer verwischten Kontur in das Objekt. Die entstehende Unschärfe lässt die Porträtierte nur von einer bestimmten Position erkennen und führt zu einer ungewöhnlichen Verschleifung von Figur und Raum. Mit diesem komplexen Ansatz und seinem Fokus auf die subjektive Wahrnehmung schloss Rosso an die Entwicklung des Impressionismus in der Malerei an. Rosso war selbst bestrebt, seine Werke zusammen mit Gemälden und Fotografien zu präsentieren. In der Ausstellung werden sie gemeinsam mit Arbeiten von Eugène Carrière (1849–1906) und Tranquillo Cremona (1837–1878) gezeigt.

Mit den vibrierenden Bronzen von Paolo Troubetzkoy zeigt die Ausstellung eine weitere Facette des Impressionismus in der Skulptur. Hervorzuheben sind die Porträtplastiken des russisch-italienischen Bildhauers, bei denen er sein Hauptaugenmerk auf die bewegte Gestaltung von Kleidung und Haaren legte. Dies veranschaulicht u. a. die Darstellung „Nach dem Ball (Adelaide Aurnheimer)“ (1897, Privatsammlung, London). Während das Gesicht der vermögenden Mäzenin Adelaide Aurnheimer glatt modelliert ist, gestaltete Troubetzkoy den Stoff ihrer Robe als eine überbordende Kaskade aus Falten mit zahlreichen Höhen und Graten, in denen die Fingerspuren des Künstlers sichtbar geblieben sind. Gussnähte und Reste von Gusskanälen bezog er bewusst als Gestaltungselemente in seine Werke ein. Selbst im anschließend angefertigten Bronzeguss ist dieser unmittelbare Zugriff des Künstlers auf den Werkstoff noch deutlich zu erkennen, sodass eine formale Ähnlichkeit zum lockeren Duktus der impressionistischen Porträtmalerei entsteht, wie etwa John Singer Sargents Gemälde der Lady Agnew of Lochnaw (1893, National Gallery of Scotland, Edinburgh) zeigt.

Die Ausstellung schließt mit zentralen Werkgruppen von Auguste Rodin, die für die Zuordnung des Bildhauers zum Impressionismus ausschlaggebend waren. Die Gestaltung des Raumes orientiert sich an der von Rodin selbst im Jahr 1900 ausgerichteten umfangreichen Einzelausstellung im Pavillon de l’Alma. Auch wenn sich Rodin selbst nie als „impressionistischen Bildhauer“ bezeichnete, wurde er von der Kunstkritik neben Rosso als bedeutendster Vertreter dieser Richtung wahrgenommen. Den Auslöser bildete seine Skulptur „Balzac“ (Verkleinerung, um 1892/93, Privatsammlung, London), bei der Rodin entgegen den akademischen Vorgaben für ein Denkmal keine Überhöhung des Schriftstellers anstrebte, sondern die ungeschönte Darstellung von dessen Person und Charakter. Von Rodins Interesse an der Gestaltung von Oberflächen und dem Sichtbarmachen des Arbeitsprozesses zeugt seine Terrakottaplastik „Das Haupt Johannes’ des Täufers“ (1878, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe).

Eine Reihe von Bronzebüsten wiederum verdeutlicht, dass er das changierende Licht auf der Oberfläche miteinkalkulierte. Welch großen Wert Rodin zudem auf die Inszenierung seiner Werke legte, zeigt die Ausstellung mit der historisch nachempfundenen Präsentation seiner „Eva“ (1881, Guss wahrscheinlich zwischen 1928 und 1942, Städel Museum). Rodin inszenierte den Bronzeguss im Salon de la Société Nationale des Beaux-Arts 1899 auf aufsehenerregende Weise, indem er die Plinthe der lebensgroßen Figur in Sand eingrub. Eva scheint dadurch barfuß und auf Augenhöhe der Betrachterinnen und Betrachter im Sand zu stehen. Rodin zielte damit bewusst auf die unmittelbare Begegnung mit der Skulptur.

Katalog: Zur Ausstellung erscheint im Prestel Verlag ein umfassender, von Alexander Eiling und Eva Mongi-Vollmer herausgegebener Katalog unter Mitarbeit von Juliane Betz und Fabienne Ruppen, mit einem Vorwort von Philipp Demandt und Beiträgen von Juliane Betz, Stefano Bosi, Dominik Brabant, Philipp Demandt, Yvette Deseyve, Alexander Eiling, Eva Mongi-Vollmer, Astrid Reuter, Dietmar Rübel, Fabienne Ruppen und Nina Schallenberg. Deutsche und englische Ausgabe, 328 Seiten, 39,90 Euro (Museumsausgabe), 49 Euro (Buchhandelspreis).

En Passant. Impressionismus in Skulptur
19. März bis 25. Oktober 2020

Städel Museum
Schaumainkai 63
D-60596 Frankfurt am Main
https://www.staedelmuseum.de
Öffnungszeiten:
Di, Mi, Sa, So + Feiertage 10–18 Uhr
Donnerstag und Freitag 10–21 Uhr

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